Kai-Uwe Götz
Fotografie  und Lyrik 

Die kalte Hand des Todes


Wer mich kennt der weiß, dass Friedhöfe einer meiner Leidenschaften sind. Besuche ich eine Stadt zum ersten Mal, dann führt mich mein Weg auch zum dortigen Friedhof. Mitten in einer Großstadt ist solch ein Platz wie eine grüne Lunge, ein Ort der Stille, der Kontemplation und Entschleunigung, gepaart mit einer Portion Melancholie. Hinzu kommen die zum großen Teil sehr kunstvollen Statuen und Skulpturen die ich nur allzu gern fotografiere. Für mich ist jede Skulptur eine fotografische Herausforderung – nicht, wie allzu oft schon gesehen, Face to Face, sondern ungewöhnliche Perspektiven zu finden ist mein Ziel – und gerade hier auf Friedhöfen, wenn ich in Stille und Alleinsein fotografieren kann, gerate ich auch oft in den Flow.

Und natürlich denkt man an solch einem Ort über den Tod nach, im Allgemeinen und auch über seinen persönlichen Tod. Natürlich ist der Tod ein wichtiger Ratgeber für uns: er rät uns unsere Zeit hier zu nutzen. Und wer Zeit aus Langeweile „totschlägt“ – schlägt im Grunde seine eigene Lebenszeit tot. Trotz allem: das Nachdenken über seinen eigenen Tod bleibt irgendwie abstrakt. Wir spüren das Leben in uns und unseren Tod denken wir in weiter Ferne.

Ich bin den Tod als Altenpfleger sehr oft begegnet. Leben die sich im hohen Alter dem Ende neigten aber auch junge Menschen die praktisch am Anfang ihres Lebens aus demselben herausgerissen wurden. Denn in meinen ersten Jahren als Altenpfleger arbeitete ich in Hamburg auf St. Pauli. Aids war auf den Höhepunkt und geeignete Medikamente gab es noch nicht. Viele Opfer waren junge Prostituierte die nach Ausbruch des Virus Pflege und Begleitung in ihren Tod brauchten. Auch wenn es mich sehr mitnahm und ich mich nicht völlig von diesem Leid distanzieren konnte, bleibt mein eigener Tod auch in diesen Situationen seltsam abstrakt. So richtig konnte ich ihn mir nicht vorstellen und irgendwie halten wir uns doch alle auf die eine oder andere Art unsterblich.


Das vielfach erlebte Sterben brachte mich dann zum Schreiben von Gedichten und es kam zur Veröffentlichung meines ersten Buches. Bezeichnenderweise lautet der Titel „Poesie des Todes und andere Lebendigkeiten“. Es folgten Ausstellungen, Präsentationen, Vorlesungen, Signierstunden – allein der Tod bleibt weiterhin abstrakt.


Doch der Tod findet immer einen Weg Dein Innerstes zu erschüttern. Und zwar nicht, wenn Du über ihn nachdenkst – nein – aus heiterem Himmel knallt er brutal in Dein Bewusstsein, lässt für diesen Moment keinen Raum für etwas Anderes, füllt Dich aus: die erschreckende und bis ins Mark erschütternde Gewissheit, dass auch Du irgendwann im Sterben liegen wirst, um Deine letzten Atemzüge ringend. In diesem Moment stockt Dir der Atem, das Herz stolpert, setzt einen Schlag aus. Das ist der Moment wo Dich die kalte Hand des Todes streift.

Viermal hatte ich den Tod für einen kleinen Moment als Gast in meinem Leben. Das letzte Mal in einem totalen Glücksgefühl. Kurz nach der Geburt meiner Tochter – ich verließ den Kreißsaal, raus um nach Stunden einen Zigarillo zu rauchen und um Verwandte und Freunde zu benachrichtigen. Ich spürte ein Dauerlächeln auf meinem Gesicht und schwebte förmlich über den Boden: ich bin soeben Vater des wunderbarsten Geschöpfs auf der Welt geworden! Und dann: BÄMM – das Herz setzte aus um dann umso schneller weiterzuschlagen, mein Lächeln verschwand – ich werde sterben! Irgendwann wird es so sein…Dann ist der Tod nicht mehr abstrakt, nein dann ist er auf schmerzhaftester Weise Gewissheit. Schonungslos, brutal reißt er den Schleier der Sorglosigkeit von Deinen Augen. Dieser Moment ist wahrlich allumfassend, lässt keinen Raum für anderes.

Doch dann irgendwann atmet man tief durch: ich lebe noch!! Und wie herrlich ist es zu leben. Mit allen Sinnen und Intensität. Und es wird einem in solch einen Moment völlig klar: wie kostbar ist die Zeit die mir noch verbleibt!

Noch hat mich die kalte Hand des Todes nicht in seinem Griff … nur kurz gestreift …



Alle Fotos von Genua Cimitero Staglieno oder Mailand Cimitero Monumentale